Hanauer Theater-Legende Erland Schneck-Holze über Faust Eric (unbearbeitet):

PANDÄMONIUM DER ABSURDITÄTEN

Die Hanauer "Dramateure" brillieren in der HoLa mit Terry-Pratchett-Adaption "Eric- nicht Faust"

Sie waren wieder voll auf Scheibe, notabe in der HoLa - die "Dramateure" - das sympathische Hanauer Theaterensemble , bestehend aus etwa zwei Dutzend Ex-Holanern vor und hinter der fast zu klein gewordenen Schul-Bühne. Zum dritten Mal galt es die Gratwanderung vom Komischen hin zum Kosmischen - ohne Absturz- zu bestehen. Und um es gleich zu sagen: die spielfreudige Seilschaft erreichte den absoluten Gipfelpunkt.
Muss man in der welt-weit vernetzten Fan-Gemeinde Terry Pratchett noch -ausführlich vorstellen? Mitnichten - der Mann ist seit vielen Jahren ein Phänomen, in einer stets gewachsenen internationalen Fangemeinde, die alle Grenzen sprengt - und das ist ganz ernst zu nehmen: die Grenzen nämlich des gesamten Universums. Da stößt ein Ausbund an Kreativität und Fantasie die Welt und ihre Logik um und erfindet beides neu. Wenn er sich in seinen Gedankenverschlingungen nicht ständig selbst auf die Schippe nähme, wäre er mit Sicherheit der Stifter einer neuen Sekte, der "Prachettisten", einer alle Strömungen vereinenden und verneinenden Universalreligion (einschließlich des Atheismus), die alle Philosophien in den Schatten stellen könnte. Kalauer steht neben Parodie, Poesie neben Geschmacklosigkeit, Klamauk neben Krampf; Unsinn wird zu Tiefsinn, nichts ist dem Autor heilig- doch: seltsamer Weise bleibt alles sakral - das ist sein Markenzeichen. Sein typisch englischer Humor, bisweilen durchaus mit Sadimus gewürzt, ist aber dennoch fähig zum Ausloten sensibler Gefühle; seine Frozzeleien (höherer Blödsinn?) gehen Arm in Arm mit ungeheuer Bildung (schunkelnd!).
Jonas Milke [Name korrigiert], das Ober-Haupt der Hanauer "Fan-tasten", hat mit seinen Bühnenbearbeitungen der bisherigen Pratchett Vorlagen ein gutes Händchen - will sagen: gutes Köpfchen bewiesen; seine intelligenten Partituren treffen den Kern und haben große Bühnenwirksamkeit, zumal er (ganz im Geiste Pratchetts) die dramaturgischen Stilformen unterhaltsam (bis zum Hörbuch) durcheinanderwirbeln lässt.
Dabei hat er einen Kreis von Mitspielern und Mitspielerinnen gefunden, die sich (in vielfachen eindrucksvollen Rollenwechseln) ebenfalls sehr virtuos auf die Klaviatur des großen Fantasy-Autors verstehen - Respekt! Der studentische Amateurcharakter der flotten Inszenierungen - ganz bewusst eingesetzt mit witzigem Bühnenbild und vielen Requisiten (in der letzten Produktion z.B. einer selbststeuernden Zauberkiste) - gibt dem Ganzen zusätzlichen Charme.
Aber um was geht es denn eigentlich in dem hier zu besprechenden letzten Stück "Eric nicht Faust"?

Um nichts weniger als um Alles (oder Nichts) und den Menschen (die Menschheit) im Un-Besonderen. Das groteske Pandämonium, das manchmal das Lachen im Keim ersticken lässt (und dann doch eben wieder nicht...) gemahnt in manchen Zügen und in den sophistischen Spitzfindigkeiten an Thornten Wilders "Wir sind noch einmal davon gekommen" oder an Becketts "Endspiel".
Der brillant gegebene nervige Knabe Eric, der mit seinem nie erschütterbaren "Dämon" durch die Zeiten und Universen hetzt, erlebt wie Faust die überirdischen Mächte - das sind eigentlich nur verrückte Böse: dem Teufel (als schließlich abgeschobenen Bürokratie-Präsidenten) und einem Weltenschöpfer, der sich nur als tüfftelnder Bauwerker, weniger als zynischer Demiurg, für eine neue Schneeflockenart interessiert, eine ebenfalls sehr gallig präsentierte Studie.
Die Sinnentleerung durch Kampf und Schicksal wird sehr anrührend dargestellt in Anspielungen auf Odysseus und den Trojanischen Krieg (neben einem eindrucksvollen Kannibalen-Tableau). Immer wieder sind es - abwechslungsreich - die vielen absurden Bilder, Monologe, Dialoge und Arrangements, die in dieser Revue des augenzwinkernden Schreckens den Zuschauer auf Trapp halten und zu Zwischenbeifall Anlass geben: Eine in sich schlüssige, überzeugende Leistung aller Beteiligten.

Gottlob, dass sie bei diesen vielen existenziellen Themen, die da angepokert werden, einen "Gott-sei-uns" dabei haben, in Gestalt des sogar mitspielenden Schulpfarrers Hermann Trusheim. Denn (Spaß beiseite) erkennen wir Zuschauer in den Agierenden nicht eigentlich uns selbst als erlösungsbedürftige Verzweifte? Und ist der humorige Optimismus dieses Welttheater-Stückes nicht eigentlich die einzige uns noch verbliebene Haltung gegen das angstbesetzte Rätsel unserer Existenz?

Aber wie sagt: Gott seis gedankt:

Die Pratchettisten sind (noch) keine Sekte (siehe oben)...

-ecs-


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