Erland Schneck-Holze über Onkel Dynamit:

SYMPATHISCHE FAKES

Hanauer "Dramateure" begehen ihre zehnte Inszenierung mit turbulenter Wodehouse-Komödie


Der Kette ihrer ironisch-glitzernden Produktionen haben die Hanauer "Dramateure" nunmehr eine neue Perle angefügt. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis der unermüdlich wirkende Impresario Jonas Milke - nach Kultautoren wie Pratchett - auch auf P.G. Wodehouse (1881-1975) stieß, freilich eher zufällig, wie er gesteht. Der britische Autor (nach dem Zweiten Weltkrieg auch kurzzeitig nach Deutschland verschlagen und dann in den USA z.T. als Drehbuchverfasser lebend) ist bei uns zu Lande nicht (mehr) so bekannt, dafür aber im englischen Sprachraum umso stärker; ebenfalls mit einer riesigen Fan-Gemeinde - und wie Wikipedia zu berichten weiß - dort sogar zum literarischen Pflichtkanon gehörend. Seit ein paar Jahren hat den skurrilen Romancier sogar Suhrkamp wiederentdeckt und eines seiner überaus zahlreichen Werke in einer neuen Übersetzung herausgegeben. Jonas Milke hat gleich Feuer gefangen - "... das muss auf die Bühne!"

Es ist ihm mit "Onkel Dynamit" dabei eine überzeugende, eine professionelle Theater-Adaption gelungen - und als stilsicherer, deutlich prägender Regisseur, zusammen mit der sich um ihn scharenden Amateur-Truppe - nicht zuletzt mit seiner inspirierenden, "gleichschwingenden" Ko-Regisseurin Carolin Senft -, ein witziges inszenatorisches Meisterwerk, das auf hohem Niveau bestens unterhält. Gelegentliche Längen - bereits im Roman so angelegt - sind der breiten Exposition des Plots geschuldet, der natürlich im "zweiten Teil" präzise und ausführlich zum Ende gebracht werden will.

Im Mittelpunkt steht (frappierend kongenial von Marcel Raabe personifiziert) ein dynamischer Onkel, im Look Nick Knattertons: mit veritablem Schnauzer, der sich als guter, schließlich alles in Ordnung bringender Geist erweist - inmitten von zum Teil von ihm selbst verschuldeten Turbulenzen; dies mit bewunderungswerter Ruhe, sarkastischem Abstand und einem Quäntchen Selbstironie. Und ... immer mit einer Idee im Kopf, wie man diesen wichtigen Körperteil in bedrohlichen Fährnissen aus der Schlinge ziehen kann! Dabei scheut er bisweilen auch keine Fakes und ein wenig Druck ... aber nicht ein verbissener, beleidigender, alles vermasselnder Trump steht am Ende, sondern der Triumph sympathischer Coolness.

Die jungen Männer im Stück haben seine weise Hilfe in der Tat nötig. Sein Neffe Bill, dem Jannik Sehring mit rollenden Augen geradezu anrührende Tapsigkeit verleiht, hat sich in eine energische Jungautorin verliebt, ist aber zu schüchtern, dieser Dame seine Liebe zu offenbaren. Carolin Senft verleiht - augenzwinkernd - der Karikatur einer Karrierefrau unnahbare Strenge. Bills Freund Pongo (von Jonas Milke selbst mit gewohnter Brillanz gegeben) hat sich in eine schöne Bildhauerin verguckt, die ihn in ziemlich "verfängliche" Situationen bringt (von Johanna Kuge mit und ohne Bademantel verführerisch schön präsentiert). Das selbstbewusst agierende Dienstmädchen (eine überzeugende Studie von Imke Blümke) hat ihren Verlobten, den herrlich umständlich agierenden Polizeikommissar, ebenfalls voll im Griff (ein gelungenes Paradestück für Matthias Kromat als bemerkenswertem Charaktertyp).

Die Männer bekommen bei Wodehouse offensichtlich ganz schön ihr Fett ab! So auch die mächtigste Figur im familiär usurpierten Haus, Sir A. Bostock (Kai-Uwe Berdick in gleichsam wilhelminischer Attitüde); der Lord erweist sich als veritabler Haustyrann, mit kolonialer Vergangenheit, wovon seine Schatzkammer zeugt. Auch hier sorgt eine kluge Frau - seine "verständnisvolle" Gattin - für den nötigen gruppendynamischen Ausgleich: voll treuherziger Damenhaftigkeit und etwas genervter Resignation von Jasmin Reitz gespielt. In den Auftritten der weiteren Figuren zeigt sich ebenfalls die feinsinnige Darstellungsraffinesse der Produktion (Patricia Weerth, Katrin Kobberger, Tillmann Deselaers, Patrick Rachor).

Bemerkenswert in dieser Inszenierung sind auch diesmal wieder die Kostüme und - notabene - hier vor allem die Damen-Frisuren. Das Bühnenbild - interessant übrigens die eindrucksvollen afrikanischen Masken - charakterisiert zielsicher nach wenigen Umbau-Griffen den Rahmen der Episoden. Das alles wird von flotter, vorantreibender Jazzmusik begleitet. - Es mögen der komödiantischen Spielschar - vielleicht mit Moliere oder auch Ionesco, die ab- und zu durchschimmern - noch viele weitere künstlerischen "Babies" zur Besichtigung beschieden sein!

(Erland Schneck-Holze, 05.04.17)


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