Zuschauerrezension:

Sind Frauen die besseren Soldaten?

DIE DRAMATEURE begeistern im Bürgerhaus Bischofsheim mit der Premiere ihrer Bühnenversion von Terry Pratchetts Scheibenwelt-Roman "Weiberregiment"

Das Stück beginnt damit, dass die junge Polly Perks sich von ihrer langen Haarpracht trennt, ihren Rock gegen eine Hose eintauscht und es mit ihrer neuen Erscheinung und antrainierten Männlichkeitsposen tatsächlich schafft, in die Armee aufgenommen zu werden, eine bis dahin reine Männerdomäne. Doch im weiteren Verlauf des Geschehens wird deutlich, dass es noch andere Mitglieder im Regiment gibt, deren (geschlechtliche) Identität nicht die vorgegebene zu sein scheint...

Eine klassische Rollentausch-Komödie, könnte man meinen, wenn der Autor nicht Sir Terry Pratchett wäre, Erfinder der Scheibenwelt und mittlerweile Kultfigur in der britischen Fantasy-Literatur. Neben seiner Gabe, die Absurditäten des Alltags durch skurrile Geschöpfe und aberwitzige Dialoge dem Leser immer wieder vor Augen zu führen, erweist sich Pratchett als Meister der subtilen Anspielung und der leisen Zwischentöne. Eine moralische Instanz ohne Zeigefinger, seine Romane keine reinen Schwarz-Weiß-Gemälde, sondern Bilder mit vielen Graustufen.
Den DRAMATEUREN gelingt es auf erfrischende Weise, mit ihrer deutschen Bühnenfassung genau diese Zwischenräume auszuloten. Unterstützt werden sie an diesem Abend vom Hanauer Musiker Shaplyn, der mit eigens dafür komponierten Songs die Zuschauer zu Beginn eines jeden Akts in die Handlung einführt.

In "Weiberregiment" geht es neben der Frage nach dem Sinn des Krieges und der Gleichberechtigung von Mann und Frau auch um Themen wie Religion, Identitätsfindung, Voyeurismus.
Mit witzigen Wortwechseln, gekonnt eingesetzter Situationskomik und viel Liebe zum Detail gelingt es den jungen Schauspielern, der fast 500-seitigen Romanvorlage die Schwere zu nehmen und ihr Publikum auf humorvolle Weise zu unterhalten, ohne dabei die Ernsthaftigkeit des Romans in Frage zu stellen.
Auf der gut ausgenutzten Bühne tummeln sich allerlei absonderliche Gestalten, die oft für spontanen Beifall und Gelächter sorgen, so zum Beispiel ein cleaner Vampir auf Kaffee-Ersatzdroge mit zeitweiligen Halluzinationen, ein moosbewachsener Troll mit beeindruckenden keulenschwingenden Oberarmen oder ein buckliges, glatzköpfiges Wesen, das mit verräterischen Körpernähten geradezu aus Frankensteins Versuchsküche zu kommen scheint...

Die Charaktere des Stückes legen in ihrer Entwicklung alle Facetten der vermeintlichen Wahrheiten offen: Blinder Patriotismus oder couragierter Einsatz zur Rettung von Menschenleben? Demonstration von Macht oder Recht auf Selbstverteidigung? Religiöser Eifer und naiver Aberglaube oder gesundes Gottvertrauen und spirituelle Erfahrungen? Gesellschaftskonforme Geschlechterrolle oder Persönlichkeitsentfaltung durch Emanzipation und "Coming-Out"?
Und wie geht es eigentlich dem Zuschauer - fühlt der sich nicht genervt von diesem penetranten Fotografen Chriek, einem abstinenten Vampir, der sich am meisten vor seinem eigenen Blitzlicht fürchtet, unbeteiligte Leute im Publikum ablichtet und dort seine Visitenkarten verteilt? Immer mit dabei: Reporterin Cripslock ("die Feder ist mächtiger als das Schwert"), die bei ihrer Informationsbeschaffung eine unangenehme Aufdringlichkeit an den Tag legt und sich bei wichtigen politischen Entscheidungen mit einer gewissen Selbstgefälligkeit gern als "neutrale Instanz" in Szene setzt. Die druckfrische Ausgabe ihrer Zeitung mit der Sensationsmeldung des Abends ("Truppenabzug und Waffenstillstand im Borograwien-Konflikt") findet gleichwohl reißenden Absatz beim Publikum...
Die junge Hanauer Theatergruppe DIE DRAMATEURE, die mit diesem Stück bereits den vierten Scheibenwelt-Roman umsetzt, richtet mit ihrer ambitionierten Interpretation von "Weiberregiment" einen scharfen, aber dennoch humorvollen Blick auf unsere eigene reale Welt, wo sich vieles in erschreckender Aktualität wiederfindet.

Und auch die Frage zu Beginn wird am Ende noch geklärt:
"Man hätte meinen können, die Frauen im Militär seien besser als die Männer. Aber letzten Endes waren sie nur besser darin, sich wie Männer zu verhalten".

Ineke Schouten


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